Historische Drahtesel und Kleider - 6. Nostalgierad-WM in Sankt Englmar

Erstellt am 21.09.2017

Die Teilnahmebedingungen für das Spektakel sind einfach: Ein altes Fahrrad ohne Gangschaltung und historische Kleidung oder Tracht. Auch wer keinen alten Drahtesel mehr zu Hause hat, dem kann geholfen werden. Alexander Pielmeier stellt rund 25 alte Leihräder zur Verfügung, die allesamt noch sehr gut in Schuss sind. Gaudi an erster Stelle!

Historische Drahtesel und Kleider - 6. Nostalgierad-WM in Sankt Englmar


Maibrunn/Sankt Englmar. Eine Wiese am Waldrand, die ersten Sonnenstrahlen lassen den Morgentau glitzern. Zwei Männer mit Gewehren und einige unbewaffnete Begleiter… Sind das Vorbereitungen zu einem Duell im Morgengrauen? Die fröhlichen Gesichter und die ausgelassene Stimmung der Beteiligten wollen aber so gar nicht zum vermuteten Ernst der Situation passen: Es sind Bürgermeister Anton Piermeier und Schirmherr Ferdinand Freiherr von Aretin mit ihren „Sekundanten“ Sportivo-Chef Franz Stieglbauer und Franz Xaver Six, von den Maibrunner Bergschützen, der sich um die Gewehre kümmert und sie bereiten sich lediglich auf den Startschuss zur sechsten Nostalgierad-WM in Maibrunn bei Sankt Englmar vor.

Ausgerichtet wird das sportliche Fest auch in diesem Jahr wieder vom Familotel "Simmerl" und dem Englmarer Mountainbike-Verein Sportivo, die Preise wurden von der Brauerei Aldersbacher gesponsert. Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Familienhotels „Simmerl“ vor zehn Jahren sei er auf die Idee gekommen, eine Nostalgie Rad-Rundfahrt zu organisieren, erzählt der Inhaber des Hotels und Organisator, Alexander Pielmeier.
Die Teilnahmebedingungen für das Spektakel sind einfach: Ein altes Fahrrad ohne Gangschaltung und historische Kleidung oder Tracht. Auch wer keinen alten Drahtesel mehr zu Hause hat, dem kann geholfen werden. Alexander Pielmeier stellt rund 25 alte Leihräder zur Verfügung, die allesamt noch sehr gut in Schuss sind.

Gaudi an erster Stelle
„Es is a Riesen-Gaudi, da braucht ma nix gwinna – nur Erfahrung“, so einer der Teilnehmer. Doch die Fachsimpeleien der Pedaleure über technische Details an ihren Velozipeds vor Rennbeginn und das kritische Beäugen der Mitstreiter lässt auch die Vermutung zu, dass der eine oder andere sich doch ein paar Chancen auf einen Stockerlplatz ausrechnet. Und als dann der Startschuss fällt, legen viele der Teilnehmer doch eine gehörige Portion Kampfgeist an den Tag.
48 Einzelfahrer aus den Klassen Herren, Damen, Jugendliche und Kinder hatten sich bereits am Vormittag für das außergewöhnliche Radrennen mit „Le-Mans-Start“ auf alten Fahrrädern und in historischer Kleidung angemeldet. Vor dem Start haben sie ihre Fahrräder 100 Meter weit entfernt in der Wiese abgelegt. Von allen Teilnehmern die längste Anreise hatte eine Schwedin, die zum historischen Radlrennen gekommen war. Bevor es so richtig losgeht, richtet Bürgermeister Anton Piermeier noch einige Worte an Teilnehmer und Zuschauer und freut sich, dass man mit dem Wetter immer wieder Glück habe. Alexander Pielmeier bedankt sich daher beim Schirmherrn Ferdinand Freiherr von Aretin von der Brauerei Aldersbacher, der seinem Namen alle Ehre gemacht hatte: Pünktlich zum Start zeigte sich das Bergwetter von seiner schönsten Seite und ließ sogar ein paar Sonnenstrahlen zu. Der „Bierbaron“ freute sich, dass er wieder Schirmherr bei diesem „erfolgreichen, tollen Event“ sein durfte, das sich aus einer „gspinnadn Idee“ entwickelt habe und wünscht den Teilnehmern spannende Wettkämpfe und einen unfallfreien Verlauf.

Von Profis und Pechvögeln
Nachdem der Startschuss ertönt, beginnt der Sturm auf die Drahtesel: Zuerst starten Männer, rennen zu ihren Rädern, steigen bzw. springen auf und treten in die Pedale, „was das Zeug hält“. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Einer der Favoriten hatte beim Start das Quäntchen zu viel Energie und Dynamik an den Tag gelegt: Patrick Lang, Triathlet aus Hilpoltstein, zweimaliger Gewinner in Maibrunn und bislang bei jeder Nostalgie-Rad-WM auf dem Siegerpodest, fügte seiner Rennmaschine, einer „Excelsior“, Baujahr 1923, beim Start einen Felgenbruch zu. Schwer enttäuscht betrachtet er sein Radl und kommentiert lapidar: „Da is nix mehr mit Speichen nachziehen.“ Die ganze Woche habe er den Start immer wieder geübt – es sei ja nicht so leicht mit einer Lederhose. Und dann wurde ihm eine kleine Unebenheit auf der Wiese zum Verhängnis. Trotzdem wird er beim nächsten Mal wieder dabei sein, weil „die NostalgieradWM ist Pflicht!“


Zwei Runden müssen von den Männern bewältigt werden, insgesamt vier Kilometer.
Kurz nachdem die letzten gestarteten Männer außer Sichtweite sind, kommen auch schon die ersten wieder vorbeigesaust und Runde zwei beginnt. Lokalmatador und Mountainbike-Bayernelite-Fahrer Michael Stieglbauer liegt nach der ersten Runde bereits deutlich in Führung. Es folgen ihm Tobias Six und Alexander Pielmeier. Mit Kuhglocken und Anfeuerungsrufen werden die Männer angestachelt, in der finalen Runde noch einmal alles zu geben. Trotzdem sollte sich bei den Stockerlplätzen in der zweiten Runde nichts mehr ändern, um „die Ränge“ wird aber mit scheinbar unerbittlicher Härte gekämpft: ein Blick in die Gesichter der „Finisher“ beweist es! Staunen konnte so mancher, wie fit auch die älteren Semester auf den Radeln noch sind.

In der Wirtsstube beim „Simmerl“ ist nach dem Rennen ausgiebig Zeit für Renn-Analysen: Ein sehr taktisches Rennen sei es, diese WM, bergab können fast von allen Maximalgeschwindigkeiten gefahren werden – abhängig natürlich von der Übersetzung des Radls. Am Berg trennt sich dann die Spreu vom Weizen, so einer der Fahrer. Außerdem müsse man den richtigen Zeitpunkt finden, den Gegner zu „schnappen“. Fast 50 km/h bei einer Trittfrequenz von etwa 130 Umdrehungen/min werden gefahren und verursachen ein Pulsmaximum von etwa 190 an der Steigung – gemessen hat das Patrick Lang und Sieger Michael Stieglbauer bestätigt: „Es is eigentlich eh a Wahnsinn – guad, dass nix passiert is!“


…Frauen und Kinder danach
Nach den Männern sind Frauen, Jugendliche und Kinder an der Reihe. Die weiblichen Teilnehmer - allesamt in eher raduntauglichen Gewändern – haben so Ihre Schwierigkeiten mit dem Outfit und so geht es mit geschürzten Röcken im Laufschritt an den Start. Am besten kommt Silvia Porada mit Rock und Strecke zurecht, gefolgt von der Schwedin Sarn Burnelivs und Lisa Guggenberger. Den meisten Jubel und Applaus können mit Abstand die Kinder und Jugendlichen einheimsen, die die Strecke in teils beachtlichem Tempo bewältigen. Die Konkurrenz bei den Jugendlichen kann Jonas Pielmeier vor Jonathan Eckl und Hannah Eckl für sich entscheiden. Das „gelbe Trikot“ bei den Kindern erringt Sonja Reiner vor Lena Reiner und Lisa Reiner.

Geschick statt Geschwindigkeit
Doch die Radl-WM in Maibrunn hat nicht nur Wettkämpfe zu bieten, bei denen es um die Geschwindigkeit geht: Wer nach dem Rennen noch genug Luft hatte, konnte an der Gaudi-Rundfahrt mit Geschicklichkeitsprüfungen teilnehmen, bei der paarweise an den Start gegangen wird. 21 Teams traten zur Rundfahrt von Maibrunn über Münchszell nach Grün und wieder zurück an.
An vier Stationen wird ein Stopp eingelegt und eine mehr oder weniger knifflige Aufgabe muss bewältigt werden. In diesem Jahr standen ein Merkspiel, Wettschießen, ein „Weißbierkontest“ und Maßkrugschieben auf dem Programm. Vom Weißbierkontest in Grün konnten die Teilnehmer zur letzten Station in Maibrunn einen Shuttle-Bus in Anspruch nehmen. Die ganz Unerschrockenen aber sammelten hier zusätzliche „Bergziegen-Punkte“, indem sie die Strecke inclusive der ca. 150 Höhenmeter mit dem Radl bewältigten.


Bei der abschließenden Siegerehrung freuten sich die Veranstalter über einen unfallfreien Verlauf und Sportivo-Chef Franz Stieglbauer bedankte sich vor allem bei Alexander Pielmeier und seinem Team für die perfekte Organisation des Rennens. Zusammen mit Bürgermeister Anton Piermeier überreichte er die Medaillen und freute sich - so wie Zuschauer und Teilnehmer auch - schon auf die nächste Nostalgierad-WM in zwei Jahren…